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TĂ€uschung und FĂ€lschung in der Wissenschaft
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TĂ€uschung und FĂ€lschung in der Wissenschaft beziehen sich auf unwahre Behauptungen, erfundene oder gefĂ€lschte Forschungsergebnisse, die vorsĂ€tzlich, also in tĂ€uschender Absicht von Wissenschaftlern publiziert werden, also um Wissenschaftliches Fehlverhalten. Hierzu gehören insbesondere FĂ€lschungen von Daten und Messergebnissen, (komplett erfundene Daten, Vervielfachung der erhobenen Daten, um gröĂere Stichproben vorzutĂ€uschen, Manipulation von Abbildungen, Verheimlichen unliebsamer Daten, bei Regressionsverfahren das Entfernen von AusreiĂern) sowie wahrheitswidrige Aussagen und Schlussfolgerungen in Publikationen.cite-ref-1[1]
Das Nicht-wahrhaben-Wollen von Forschungsergebnissen, die der herrschenden Meinung widersprechen oder widersprĂŒchlich scheinen, eine tendenziöse Berichterstattung sowie das Weglassen von Daten stellen minder schwere, fĂŒr den Wissenschaftsbetrieb gleichwohl schĂ€dliche Verhaltensweisen dar. Charles Babbagecite-ref-2[2] fĂŒhrte 1830 mit Forging (FĂ€lschen oder Erfinden von Ergebnissen und Beobachtungen), Trimming (âDatenmassageâ; bewusste Manipulation von Messwerten) sowie Cooking (âSchönungâ von Ergebnissen durch das Weglassen abweichender Messwerte) eine Klassifikation der TĂ€uschungsformen ein, die bis heute GĂŒltigkeit hat.
Zur TĂ€uschung, aber nicht der FĂ€lschung im engeren Sinne zĂ€hlen Plagiate und die Veröffentlichung der Arbeit von Ghostwritern unter eigenem Namen, da die veröffentlichten Informationen in diesen FĂ€llen â abgesehen von der Autorenangabe â korrekt sind. Beispiele fĂŒr solche FĂ€lle können unter Liste deutscher Dissertationen mit Plagiaten nachgelesen werden. Umgangssprachlich wird auch von Betrug gesprochen, damit sind juristisch jedoch Vermögensdelikte gemeint, weshalb TĂ€uschung der korrekte Begriff ist.
Die Wissenschaft war nie frei von FĂ€llen der TĂ€uschung und der FĂ€lschung. Innerhalb der wissenschaftlichen Community wird heute in diesen FĂ€llen auch von einer Vertrauenskrise der Wissenschaft gesprochen und darĂŒber diskutiert, ob und wie dadurch das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft beeintrĂ€chtigt wird.cite-ref-3[3] Einige FĂ€lle erregten dabei Aufsehen in der Ăffentlichkeit, wurden zum Skandal und erschĂŒtterten so dieses Vertrauen.cite-ref-4[4] Neben âpopulistischer Skepsisâ seien auch grundlegende Systemvorbehalte dafĂŒr verantwortlich. Die sozialen Medien seien KanĂ€le, wo schlechte Erfahrungen aus dem Wissensbetrieb schneller bekannt und auch skandalisiert werden.cite-ref-5[5]
Aktuellere Erscheinungen von wissenschaftlichem Fehlverhalten bestehen in der zunehmenden Zahl an KI-generierten und an Paper-Mill-manipulierten Veröffentlichungen, vor allem in Wissenschaftszweigen mit besonders hoher ProfitabilitĂ€t (etwa in der Biomedizin und in den Ingenieurwissenschaften). Seit Mitte der 2010er steigt die Herausforderung fĂŒr wissenschaftliche Verlagsunternehmen, derartige BetrugsfĂ€lle zu entlarven, obwohl gerade sie zu den Profiteuren gehören.cite-ref-6[6]
Contents
âą GegenmaĂnahmen
âą Auswirkungen
âą Beispiele
âą Anthropologie
⹠ArchÀologie
âą Biologie
âą Chemie
âą Geografie
âą Geologie
âą Medizin
⹠PalÀontologie
âą Physik
âą Psychologie
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Ursachen und Motivation
Die Ursachen und Motivationen fĂŒr TĂ€uschung und FĂ€lschung in der Wissenschaft werden in der Regel individuell zu suchen sein. In Betracht kommen dabei hĂ€ufig Ruhm und Ehre, die Forscher mit der Publikation neuer und sensationeller Erkenntnisse zu gewinnen suchen. Auf der anderen Seite können auch ein Publikationszwang (âPublish or perishâ) und der Bedarf an Fördermitteln dazu fĂŒhren, dass Versuchsdaten und Ergebnisse erfunden oder geschönt werden.
Die Sozialpsychologin Jennifer Crocker von der Ohio State University nahm die FĂ€lschungen ihres Fachkollegen Diederik Stapel zum Anlass, der Frage nachzugehen, âwarum jemand mit offensichtlicher Intelligenz, Ehrgeiz und Talent durch gefĂ€lschte Daten alles auf Spiel setzt.âcite-ref-7[7] Sie verglich das Fehlverhalten mit dem 1963 publizierten Milgram-Experiment: Hier wie dort sei offenbar der erste, kleine, von den ethischen Normen abweichende Schritt als ethisch akzeptabel rationalisiert und damit zum âNormalzustandâ erhoben worden. Jeder weitere VerstoĂ gegen die Normen erscheine dann â bezogen auf den neuen âNormalzustandâ, der beispielsweise im Weglassen von Quellennachweisen und unpassend erscheinenden Messergebnissen bestehen könne â wenig gravierend. Auf diese Weise könne allmĂ€hlich immer stĂ€rker von den Normen abgewichen werden, ohne dass es vom TĂ€ter als VerstoĂ gegen die in der Gesellschaft gĂŒltige Moral wahrgenommen werde.
Unter dem Titel Wie Betrug die Wissenschaft ĂŒberschwemmt wurden im Dezember 2025 auf Spektrum.de die Ergebnisse einer Recherche von Florian Sturm veröffentlicht, die vom Hofschneider-Recherchepreis fĂŒr Wissenschafts- und Medizinjournalismus der Stiftung Experimentelle Biomedizin unterstĂŒtzt war.cite-ref-sturm-8-0[8] Laut Sturm lĂ€sst die kĂŒnstliche Intelligenz âdas FĂ€lschungsproblem buchstĂ€blich explodierenâ. Elsevier halte die Ursachen des Problems fĂŒr âsystemischâ. Sturm zufolge kĂ€men zahlreiche Faktoren zusammen: âFehlanreize in einem ĂŒberforderten System, Karrieredruck vor allem beim Nachwuchs, das Ego und Machtstreben etablierter Forschender â und, das sagen zahlreiche Expertinnen und Experten, mit denen Spektrum gesprochen hat: das Profitstreben groĂer kommerzieller Verlage.â Sturm beschlieĂt seine Recherche mit einer Bemerkung zum VerhĂ€ltnis von Profitstreben und Erkenntnis: âVerĂ€nderung ist möglich. Aber sie erfordert Mut und wahrscheinlich einige radikale Schritte. Vor allem von denen, die das gegenwĂ€rtige System finanzieren und am stĂ€rksten davon profitieren. Denn wenn Profit wichtiger bleibt als Erkenntnis, steht nicht nur die Wissenschaft auf dem Spiel â sondern unser Vertrauen in die Wahrheit selbst.âcite-ref-sturm-8-1[8]
Nach der Aufdeckung von FĂ€lschungen steht oft die Frage im Raum, warum die Fehler so lange unentdeckt blieben. Dabei handelt es sich teilweise jedoch nicht einfach um ein blindes Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Forschungsergebnisse. Manchmal stehen strukturelle MĂ€ngel des Forschungsbetriebs einer Aufdeckung von MissstĂ€nden im Weg, ein âMangel an Abwehrkraftâ:cite-ref-yong2012-9-0[9]
âą Wissenschaftler vertrauen in der Regel darauf, dass FĂ€lschungen entdeckt werden, sobald Fachkollegen die angeblichen Studienergebnisse zu reproduzieren versuchen, dies aber misslingt. TatsĂ€chlich ist es aber ânahezu unmöglich, Wiederholungen (oder gescheiterte Wiederholungen) in hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichenâ.cite-ref-10[10]
âą âAllen gefĂ€llt die Tatsache, dass Whistleblower existieren, aber niemand kann sie leiden.âcite-ref-yong2012-9-1[9]
âą UniversitĂ€ten und Forschungseinrichtungen fĂŒrchten um ihren Ruf, wenn bekannt wird, dass in ihrem Haus wissenschaftliche Fehler gemacht werden.
âą Fachbereiche und Kollegen fĂŒrchten das Ausbleiben von Forschungsgeldern, wenn sie keine positiven Ergebnisse im Sinne der Geldgeber vorweisen können (siehe auch Problematik von Gutachten).
âą Falls es sich bei dem FĂ€lscher um einen Professor oder eine einflussreiche KoryphĂ€e des Fachs handelt, sind Mitarbeiter und Kollegen fĂŒr die eigene Karriere auf ein gutes Einvernehmen mit dem FĂ€lscher angewiesen. Umgekehrt kann das Renommee der Mitarbeiter und SchĂŒler leiden, wenn eine FĂ€lschung ihres Vorgesetzten entdeckt wird, auch wenn sie selbst gar nicht daran beteiligt waren.
âą Insbesondere wenn es sich bei einer fĂ€lschenden KoryphĂ€e um den Leiter einer auf Jahre angelegten Projektgruppe handelt, wĂŒrde ein Auffliegen des Schwindels meist auch zum Ende des Projektes und somit zu einer ungewissen Zukunft fĂŒr die nachgeordneten Projektmitarbeiter fĂŒhren.
Im Falle des Anthropologie-Professors Reiner Protsch versuchte eine interne UniversitĂ€tskommission zu ergrĂŒnden, warum Protschs Umfeld sein Verhalten jahrzehntelang tolerierte. Eine Mischung aus Angst, Ignoranz und falsch verstandener SolidaritĂ€t, so die Diagnose, habe ein konsequentes Vorgehen von Fachbereich und Hochschulleitung gegen den Professor verhindert. Der Kommissionsbericht kritisiert, âdass die fehlende SensibilitĂ€t und Entschiedenheit bei Mitarbeitern, Kollegen, Dekanen sowie bei Hochschulleitung und -verwaltung konsequentes Handeln zu einem frĂŒheren Zeitpunkt vereiteltâ habe.cite-ref-11[11] Zudem habe man âAusmaĂ und Tragweite des Fehlverhaltens von Protsch offensichtlich falsch eingeschĂ€tzt und es deshalb nicht konsequent verfolgt.â Dieses Versagen der UniversitĂ€tsangehörigen habe dazu gefĂŒhrt, dass Protsch âdas Amt eines UniversitĂ€tsprofessors in hohem MaĂe missbraucht und sich fachlich wie durch seine AmtsfĂŒhrung hierfĂŒr disqualifiziertâ habe.cite-ref-12[12]
Die vergleichsweise hohe Quote von TĂ€uschungsfĂ€llen im Bereich der Medizin und Biowissenschaft wird mit niedrigeren Standards der Hochschulausbildung erklĂ€rt: Mediziner arbeiteten praxisbezogener und wĂŒrden nicht zum Forscher, sondern zum Therapeuten ausgebildet, was zu geringerer naturwissenschaftlicher Erfahrung und einer höheren Toleranz bezĂŒglich methodischer Fehler und Unsauberkeiten fĂŒhre.cite-ref-geo-13-0[13]
PrÀvalenz nach Gender
Eine 2025 erschienene Studie untersuchte rund 65.000 zwischen 1971 und 2025 zurĂŒckgezogene Publikationen. Die Autoren der Studie werteten dabei auch die Gruppe der aus ethischen oder rechtlichen GrĂŒnden zurĂŒckgezogenen Paper aus. In Ăbereinstimmung mit vorangegangenen Studien zeigte sich, dass Publikationen von Autorinnen weniger hĂ€ufig aufgrund von wissenschaftlichem Fehlverhalten oder Betrug zurĂŒckgezogen werden mussten: WĂ€hrend Frauen etwa 30â40 % der Erstautorenschaft stellten, sind nur 16,6 % des wissenschaftlichen Fehlverhaltens auf sie zurĂŒckzufĂŒhren.cite-ref-14[14]
2021 betrachtete eine Studie eine ĂŒber alle wissenschaftlichen Disziplinen reprĂ€sentative Stichprobe von 113 aufgrund von Betrug und Plagiaten zurĂŒckgezogenen Publikationen. FĂ€lschungen und Plagiate waren bei 59,2 % der mĂ€nnliche Autoren der Grund fĂŒr eine RĂŒcknahme der Publikation, wĂ€hrend dieser Grund bei Frauen 28,6 % ausmachte.cite-ref-15[15]
2013 kam eine Untersuchung US-amerikanischer Publikationen aus den Biowissenschaften zu dem Schluss, dass MĂ€nner fĂŒr zwei Drittel der FĂ€lle von Wissenschaftsbetrug verantwortlich sind. Damit waren mĂ€nnliche Autoren ĂŒberproportional hĂ€ufig fĂŒr wissenschaftliches Fehlverhalten verantwortlich.cite-ref-16[16]
GegenmaĂnahmen
UniversitĂ€ten und Forschungseinrichtungen versuchen mit der Verabschiedung von GrundsĂ€tzen guter wissenschaftlicher Praxis und MaĂnahmen zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten gegen solche Vorkommnisse vorzugehen. Betrug und FĂ€lschung in der Wissenschaft wurde in den vergangenen Jahren auch zu einem Thema der Wissenschaftsgeschichte gemacht.cite-ref-17[17]
In den USA gibt es mit dem United States Office of Research Integrity (ORI) eine Regierungsinstitution, die Plagiate und Fehlverhalten ahnden soll. Das ORI entstand 1992 durch Zusammenlegung verschiedener Arbeitsgruppen anderer Behörden; der wichtigste VorlĂ€ufer war eine 1989 gegrĂŒndete Institution der National Institutes of Health und der National Science Foundation. In Europa richtete DĂ€nemark 1992 mit dem Danish Committee on Scientific Dishonesty die erste dauerhafte staatliche Untersuchungskommission ein. In Deutschland besteht eine Selbstverpflichtung aller Forschungseinrichtungen die DFG-Gelder beziehen, zu wissenschaftlichen Standards. Ferner gibt es eine Ombudsstelle des DFG fĂŒr Whistleblower.cite-ref-geo-13-1[13]
Auswirkungen
Der Experimentalphysiker Hans-Joachim Queisser vertrat die Auffassung, wissenschaftliche TĂ€uschung wirke âlĂ€ngst nicht so dramatisch und nachhaltig wie Betrug in anderen Bereichenâ.cite-ref-queisser-18-0[18] Unentdeckte FĂ€lschungen wĂŒrden mit der Zeit vergessen und verschwĂ€nden von der BildflĂ€che. Persönliche Kontakte in der Forschung wĂŒrden dem wissenschaftlichen Betrug entgegenwirken.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die sich seit einigen Jahren mit der Thematik befasst,cite-ref-19[19] weist in ihrem Bericht ĂŒber die Anrufung ihres Schlichtungsgremiums (âOmbudsmanâ) zur Einhaltung der VorschlĂ€ge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxiscite-ref-20[20] keine jĂ€hrliche Zunahme der FĂ€lle unkorrekten Verhaltens aus:
âEs ist wohl davon auszugehen, dass die Zahl der FĂ€lle wissenschaftlichen Fehlverhaltens selbst in der letzten Zeit nicht zugenommen haben wird. Unredlichkeiten und Fehlverhalten sind aber in den ersten Jahren der OmbudstĂ€tigkeit besser zutage getreten. Die steigende Anzahl der Anrufungen des Ombudsman der DFG wird insofern wohl nicht auf eine Verschlechterung der Sitten in der Wissenschaft, sondern vielmehr auf eine zunehmende Bekanntheit des Ombudsmans der DFG in der Ăffentlichkeit zurĂŒckzufĂŒhren sein.â
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Ombudsman der DFG
Plagiate in einer Dissertation
Als âTĂ€uschung ĂŒber die EigenstĂ€ndigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistungâ bewertete der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-WĂŒrttemberg mit Beschluss vom 13. Oktober 2008 (Aktenzeichen: 9 S 494/08)cite-ref-22[22] âdie nicht gekennzeichnete Ăbernahme kompletter Passagen aus dem Werk eines anderen Autors in einer Dissertationâ, sofern sie âplanmĂ€Ăig und nicht nur vereinzeltâ erfolge. Eine solche planmĂ€Ăige Ăbernahme fremden Gedankenguts ergebe sich bereits daraus, âdass sich die Plagiate an mehreren Stellen der Dissertation auffinden lassen und verschiedene Fremdautoren betreffen.â Kleine Ănderungen an nicht-gekennzeichneten ĂŒbernommenen Passagen bewertete das Gericht nicht als Beleg fĂŒr versuchte EigenstĂ€ndigkeit des Formulierens, sondern â im Gegenteil â als Beleg fĂŒr âdie gezielte Verschleierungsabsicht des KlĂ€gers.â Dies könne die Hochschule âzur Entziehung des verliehenen Doktorgrades berechtigen.â AusdrĂŒcklich hob der VGH in einem Leitsatz hervor: âAuf den Umfang der abgeschriebenen Stellen sowie auf die Frage, ob die Arbeit auch ohne das Plagiat noch als selbstĂ€ndige wissenschaftliche Arbeit hĂ€tte angesehen werden können, kommt es grundsĂ€tzlich nicht an.â
Als âU-Bootâ wird eine absichtlich falsche, frei erfundene FuĂnote in wissenschaftlichen Arbeiten bezeichnet. Sie tĂ€uscht dabei einen Beleg vor, der nicht existiert.
Beispiele
Die folgenden FĂ€lle von TĂ€uschung und FĂ€lschung haben Aufsehen ĂŒber ihr Fachgebiet hinaus erregt:
Anthropologie
âą Der Piltdown-Mensch wurde vor 1912 in einer englischen Kiesgrube gefunden. Seine Merkmale waren eine groĂe, dem modernen Menschen Ă€hnelnde SchĂ€delkapsel und ein Unterkiefer, der an einen Menschenaffen erinnerte. Aus dieser Kombination wurden weit reichende Schlussfolgerungen zur Stammesgeschichte des Menschen abgeleitet. Erst 1953 wies man nach, dass der Piltdown-Mensch aus einem menschlichen SchĂ€del des Mittelalters, dem Unterkiefer eines Orang-Utans und aus ZĂ€hnen eines Schimpansen bestand.
âą Der ehemalige Frankfurter Anthropologe Reiner Protsch hat nach Angaben einer Untersuchungskommission SchĂ€delfunde aus der menschlichen Vorgeschichte, darunter beispielsweise der SchĂ€del von Hahnöfersand, bewusst und systematisch rĂŒckdatiert, teilweise um Zehntausende von Jahren. Unklar ist beispielsweise das Alter der Dame von Kelsterbach, des angeblich Ă€ltesten Zeugnisses der Cro-Magnon-Menschen in Europa, da dieses SchĂ€delfragment in Protschs Institut verloren ging.
ArchÀologie
âą Der Cardiff Giant sollte 1869 beweisen, dass es Riesen gegeben habe.
âą Die Wetterauer BrandgrĂ€ber wurden als Bindeglied zwischen der Linearbandkeramik und der Rössener Kultur angesehen, bis sie 1958 endgĂŒltig als geschickte FĂ€lschungen entlarvt wurden.
⹠Der 1972 aufgefundene und als Sensation angesehene römische Jupiter von Nidderau entpuppte sich als FÀlschung.
âą Die gefĂ€lschte so genannte âPersische Mumieâ fĂŒhrte im Jahr 2000 zu Spannungen zwischen dem Iran und Pakistan.
âą Die Arbeiten des verstorbenen âMoorleichen-Papstesâ Alfred Dieck waren wichtige Grundlage fĂŒr Vorstellungen ĂŒber germanische Kultur und Bestattungsriten. Bei der Auswertung seines wissenschaftlichen Nachlasses 1988 durch den NiederlĂ€nder Wijnand van der Sanden im Rahmen seiner Doktorarbeit sowie 1993 durch Sabine EisenbeiĂ und Katharina von Haugwitz im Rahmen ihrer Magisterarbeiten stellten sich Diecks Werke als stark ausgeschmĂŒckt oder sogar frei erfunden darcite-ref-23[23], gleiches gilt fĂŒr seine heimatkundlichen Veröffentlichungencite-ref-24[24].
âą Shinâichi Fujimura war in den 1980er- und 1990er-Jahren in ganz Japan bekannt dafĂŒr, dank seiner âgöttlichen HĂ€ndeâ Artefakte aus der Steinzeit zu entdecken, die zum Teil angeblich bis zu 700.000 Jahre alt waren. Im Jahr 2000 veröffentlichte dann die Zeitung Mainichi Shimbun Fotos, auf denen zu sehen war, wie der damals 50-jĂ€hrige Fujimura Steinwerkzeuge in zuvor von ihm ausgehobenen Löchern vergrub. Fujimura entschuldigte sich unter TrĂ€nen vor laufenden Fernsehkameras fĂŒr sein Verhalten und gab zu, sĂ€mtliche Funde aus insgesamt 168 Grabungsstellen gefĂ€lscht zu haben (vergl. PalĂ€olithische BefundfĂ€lschung in Japan). Dies hatte zur Folge, dass die Darstellung des PalĂ€olithikums in japanischen LehrbĂŒchern umgeschrieben werden musste. Das PalĂ€olithik-Institut von TĆhoku, dessen VizeprĂ€sident er war, wurde 2004 aufgelöst, Fujimura kam zeitweise in eine Nervenklinik.cite-ref-25[25]
âą Axel von Berg, ehemaliger LandesarchĂ€ologe von Rheinland-Pfalz, steht unter Verdacht, historische Funde bewusst falsch datiert zu haben. Der ArchĂ€ologe hat mindestens 21 SchĂ€del-Funde auf das fĂŒnfte Jahrhundert vor Christus datiert, obwohl die meisten deutlich jĂŒnger sind.cite-ref-26[26]
Biologie
âą Lyssenko-Biologie. Mit UnterstĂŒtzung der politischen Macht, vor allem Josef Stalins, wurde diese Lehre in den 1930er- und 1940er-Jahren verbreitet; das Gedankengut der klassischen Genetik wurde unterdrĂŒckt und Wissenschaftler mit anderer Auffassung wurden bedroht, verbannt oder gar getötet. Die âExperimenteâ, mit denen Trofim Denissowitsch Lyssenko seine Theorien âbelegteâ, u. a. zur Umwandlung von Arten, waren dreisteste FĂ€lschungen und entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage.
âą Ernst Haeckel publizierte erstmals 1868 im Buch âNatĂŒrliche Schöpfungsgeschichteâ und dann erneut 1874 in âAnthropogenie und Entwicklungsgeschichte des Menschenâ Bildtafeln, auf denen Embryonen unterschiedlicher Tierarten und des Menschen dargestellt und miteinander verglichen wurden. Alle Embryonen waren gleich groĂ und stark stilisiert gezeichnet und sollten das von Haeckel so genannte Biogenetische Grundgesetz belegen, dem zufolge die Ontogenie die Phylogenie rekapituliert, oder anders formuliert: Die Embryonalentwicklung sei eine verkĂŒrzte Wiederholung der Stammesgeschichte. Der WĂŒrzburger Anatomieprofessor Carl Semper bezeichnete diese Abbildungen bereits 1875 in einer Publikation als âFĂ€lschungenâ; Ă€hnlich Ă€uĂerte sich zur gleichen Zeit der Anatom und Embryonenforscher Wilhelm His, spĂ€ter der Biologiedidaktiker und Fachbuchautor Arnold BraĂ, und zuletzt 1998 wies der britische Entwicklungsbiologe Michael Richardson anhand von Vergleichsfotos der von Haeckel ausgewĂ€hlten Arten in der Fachzeitschrift Sciencecite-ref-27[27] auf erhebliche Unterschiede zwischen Haeckels Zeichnungen und den tatsĂ€chlichen anatomischen Gegebenheiten der Embryonen hin und veröffentlichte eine Vergleichsstudie.cite-ref-28[28] Auch die Embryologin und NobelpreistrĂ€gerin Christiane NĂŒsslein-Volhard sagte 2003 in einem GesprĂ€ch mit der âZeitâ: âErnst Haeckel hat gefĂ€lscht. Viele seiner Bilder von Organismen sind schlicht erfunden, um seine Theorie zu bestĂ€tigen.âcite-ref-29[29] Dennoch werden die Haeckelâschen Vergleiche bis in die Gegenwart hinein in FachbĂŒchern nachgedruckt, u. a. noch 2003 in Ernst Mayrs âDas ist Evolutionâ.cite-ref-30[30] Siehe hierzu auch den Artikel Embryonenkontroverse.
âą Der Zoologe Paul Kammerer oder einer seiner Mitarbeiter fĂ€lschte in den 1920er-Jahren zumindest ein PrĂ€parat aus Experimenten mit Geburtshelferkröten, die die Vererbung erworbener Eigenschaften (Lamarckismus) belegen sollten. Nach der Aufdeckung der FĂ€lschung beging Kammerer Suizid. Die Frage, ob die FĂ€lschung nur untergeschoben wurde, ist dennoch bisher ungeklĂ€rt und wurde auch im Buch Der KrötenkĂŒsser von Arthur Koestler behandelt.
âą Julius Schusters vielversprechende Karriere als Botaniker wurde durch einen FĂ€lschungsvorwurf in seiner Habilitation von 1911 in MĂŒnchen beendet. Er wandte sich daraufhin der Wissenschaftsgeschichte zu.
âą Emil Abderhaldens âAbwehrfermenteâ erwiesen sich im Nachhinein als niemals wissenschaftlich belegt.
âą Franz Moewusâ (1908â1959) genetische Versuche zur Geschlechtsdetermination bei Chlamydomonas-Algen erwiesen sich als nicht reproduzierbar; er hatte Thesen von Max Hartmann experimentell zu untermauern versucht und setzte auch nach dem Ende seiner TĂ€tigkeit bei Hartmann die FĂ€lschungen fort, dann unter Richard Kuhn. Erst 1954 wurde er bei einer PublikumsprĂ€sentation ertappt.cite-ref-geo-13-2[13]
âą Dmitri Anatoljewitsch Kusnezow veröffentlichte 1989 einen Artikel ĂŒber In-vitro-Studien an WĂŒhlmĂ€usen, in dem er angebliche molekulare Forschungsdaten dazu benutzte, um gegen die Evolutionstheorie zu argumentieren. Er wurde daraufhin zu einem international agierenden Propagandisten des Kreationismus. Sowohl die Belege dieser Studie als auch die Inhalte weiterer Publikationen erwiesen sich als âfabriziertâ.
âą Der sĂŒdkoreanische Zellbiologe Tae Kook Kim wurde Anfang 2008 vom Dienst im Korea Advanced Institute of Science and Technology in Daejeon suspendiert, nachdem sich zwei seiner Publikationen in den Fachzeitschriften Science und Nature Chemical Biology als âfrei von jeglicher wissenschaftlichen Wahrheitâ entpuppt hatten.cite-ref-31[31] In Science war 2005 zunĂ€chst eine Methode beschrieben worden, wie man durch Nanoteilchen die Wechselwirkungen zwischen MolekĂŒlen im Inneren von Zellen und Medikamenten beeinflussen kann. In der zweiten Studie wurde 2006 behauptet, es sei gelungen, Körperzellen so umzuprogrammieren, dass man deren Alterungsprozess stoppen und sie sogar verjĂŒngen konnte.
âą Dem Evolutionsbiologen und Kognitionsforscher Marc Hauser wurde 2010 von einer internen Untersuchungskommission der Harvard University vorgeworfen, er habe sich in mindestens acht FĂ€llen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Ein Aufsatz von Hauser in der Fachzeitschrift Cognition wurde zurĂŒckgezogen, die GĂŒltigkeit weiterer Publikationen infrage gestellt.cite-ref-32[32] Eine der angezweifelten, 2007 in den Proceedings der Royal Society veröffentlichte Studie wurde Anfang 2011 nach einer Wiederholung der Experimente durch Hauser selbst von ihm als korrekt ausgewiesen,cite-ref-33[33] ebenso eine in Science veröffentlichte Studie.cite-ref-34[34] Mit Wirkung vom 1. August 2011 kĂŒndigte er seine TĂ€tigkeit an der Harvard University.cite-ref-35[35] Eine abschlieĂende Stellungnahme des U.S. Department of Health and Human Services Office of Research Integrity (ORI) bestĂ€tigte Anfang September 2012 die VorwĂŒrfe gegen Hauser: Ihm sei in sechs FĂ€llen âwissenschaftliches Fehlverhaltenâ nachgewiesen worden.cite-ref-36[36]
âą Milena Penkowa, eine dĂ€nische Neurobiologin, verzichtete Ende 2010 auf ihre Professur an der UniversitĂ€t Kopenhagen, nachdem mehrere ihrer Publikationen fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt worden waren, da deren Ergebnisse nicht reproduzierbar waren.cite-ref-37[37]cite-ref-38[38]
âą Dipak Das, Direktor des Cardiovascular Research Centers im Health Center der University of Connecticut (UCHC) in Farmington, wurde 2012 von einer Untersuchungskommission seiner UniversitĂ€t der VerfĂ€lschung von Daten in mindestens 23 Publikationen fĂŒr schuldig erklĂ€rt. Zu seinem Forschungsgebiet gehörten insbesondere Studien zum Nutzen des Wein-Trinkens â speziell der Substanz Resveratrol â fĂŒr die Gesundheit. Das wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck.cite-ref-39[39]
âą Serge Valentin Pangou, Direktor der Research Group on Biological Diversity (GERDIB) in Brazzaville und einer der einflussreichsten Naturwissenschaftler in der Republik Kongo, rĂ€umte 2012 ein, dass mehrere von ihm als Hauptautor publizierte Fachartikel Plagiate waren und dass in mehreren FĂ€llen Co-Autoren ohne deren Kenntnis und Zustimmung benannt worden waren. Pangou entschuldige sich fĂŒr die inzwischen von den Zeitschriften fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rten FachaufsĂ€tze mit dem Hinweis auf âthe abusive utilization of bibliograph[ies]â.cite-ref-40[40]
âą John William Heslop-Harrison, Botaniker, Fellow der Royal Society, wurde schon Ende der 1940er Jahre beschuldigt, Pflanzenfunde gefĂ€lscht zu haben. An die Ăffentlichkeit kam die AffĂ€re erst Ende der 1990er Jahre.
⹠Hasko Paradies machte Anfang der 1970er Jahre mit angeblichen Röntgenbeugungsbildern von Kristallen von t-RNA von sich Reden, was ihm eine Professur an der FU Berlin eintrug. SpÀter stellte sich heraus, dass sie von Proteinen stammten, veröffentlicht in Nature 1983. Die FU leitete eine Untersuchung ein und man verzichtete auf weitere Verfolgung, nachdem Paradies seine Entlassung beantragt hatte.cite-ref-41[41]
⹠Die AffÀre um die Entdeckung des Auxins durch Fritz Kögl und seine Assistentin Hanni Erxleben in den 1930er Jahren und die angebliche Entdeckung von D-AminosÀuren in Tumorgewebe, wobei Kögls Assistentin Laborergebnisse fÀlschte, um dem Erfolgsdruck gerecht zu werden (ohne Wissen von Kögl).cite-ref-geo-13-3[13]
âą Eine Postdoktorandin der UniversitĂ€t Uppsala publizierte im Juni 2016 in Science gemeinsam mit dem Leiter ihrer Arbeitsgruppe eine weltweit beachtete Studie ĂŒber den Zusammenhang von Mikroplastik im Ozean und Entwicklung von Fischlarven.cite-ref-42[42] Besucher der angeblich auf Gotland durchgefĂŒhrten Experimente bezweifelten bereits unmittelbar nach der Publikation, dass die behaupteten VersuchsansĂ€tze dort hatten durchgefĂŒhrt werden können. Kurz nach dieser Kritik wurde von den beiden Autoren der Studie behauptet, die Rohdaten seien infolge des Diebstahl eines Laptops komplett verloren gegangen. Eine Untersuchung durch die UniversitĂ€t Uppsala fĂŒhrte im Mai 2017 dazu, dass Science die Publikation fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rte. Im Dezember 2017 erklĂ€rte die UniversitĂ€t Uppsala die Daten der Studie fĂŒr erfunden (âfabricated research resultsâ).cite-ref-43[43]
âą Dem US-amerikanischen Spinnen-Experten Jonathan Pruitt wird seit Ende 2019 vorgeworfen, zweifelhafte Daten fĂŒr Fachveröffentlichungen zur VerfĂŒgung gestellt zu haben. Bis Ende 2021 wurden bereits 12 Publikationen zurĂŒckgezogen, fĂŒr weitere 10 wurde von Co-Autoren die RĂŒcknahme gegenĂŒber den Verlagen beantragt. Die University of Tennessee, Knoxville, entfernte zudem Pruitts Dissertation aus ihrem Bibliothekssystem. Die McMaster University, wo Pruitt eine Professur innehat, versetzte ihn im November 2021 bis zum Abschluss ihrer Untersuchungen auf eine bezahlte Verwaltungsstelle.cite-ref-44[44] Mitte Juli 2022 teilte die McMaster University mit, Pruitt verzichte auf seine Professur.cite-ref-45[45]
âą Der Meeresbiologin Danielle Dixson wurde 2022 seitens einer Untersuchungskommission der University of Delaware vorgeworfen, Daten erfunden und verfĂ€lscht zu haben, die angeblich ZusammenhĂ€nge zwischen der ĂbersĂ€uerung des Wassers und dem Verhalten von Fischen in Korallenriffen aufdeckten.cite-ref-46[46]
Chemie
âą Dem Chemiker Guido Zadel wurde 1996 von der UniversitĂ€t Bonn wegen FĂ€lschungen in seiner Doktorarbeit der Doktorgrad aberkannt, was 2004 rechtskrĂ€ftig wurde, da Zadel juristisch dagegen vorging.cite-ref-47[47]cite-ref-48[48] Er hatte 1994 in seiner Doktorarbeit behauptet, mit Hilfe eines Magnetfeldes (NMR) bei der Synthese von MolekĂŒlen deren ChiralitĂ€t beeinflussen zu können. Eine Kommission hatte erfolglos versucht, die Experimente zu wiederholen. Wegen der groĂen potenziellen Bedeutung der angeblichen Entdeckung hatten â bis zur Aufdeckung der FĂ€lschung â zahlreiche andere Labore vergeblich versucht das Experiment zu reproduzieren. Zadel verteidigte Unklarheiten in seiner Dissertation damit, dass ein Patentverfahren laufen wĂŒrde (eine der Voraussetzungen dafĂŒr ist in Deutschland, dass dazu noch nichts publiziert wurde). Sein Doktorvater Eberhard Breitmaier hatte das Patent zeitgleich mit der Promotion unter eigenem Namen angemeldet. Eine Klage Zadels gegen die UniversitĂ€t war im Jahr 2004 auch in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht MĂŒnster erfolglos geblieben.cite-ref-49[49] Sein behaupteter âwissenschaftlicher Durchbruchâ hatte in Fachkreisen einiges Aufsehen erregt, weil er ein zentrales Problem der Chemie und Pharmazie gelöst zu haben behauptete: Linksdrehende MolekĂŒle entfalten im Körper hĂ€ufig ganz andere Wirkungen als ihre rechtsdrehenden Entsprechungen (siehe ChiralitĂ€t). Da beide Formen spiegelbildlich zueinander aufgebaut sind, sich chemisch ansonsten aber nicht voneinander unterscheiden, ist ihre jeweils gezielte Herstellung schwierig.
âą Im Januar 2007 setzte die University of Alabama eine Untersuchungskommission ein, die im Dezember 2009 zu dem Ergebnis kam, dass der Kristallograph H. M. Krishna Murthy in den zehn Jahren zuvor Daten ĂŒber die Struktur von elf Proteinen publiziert hatte, die mutmaĂlich von bereits bekannten Proteinen abgeleitet worden waren. Erstmals seit ihrem Bestehen löschte die Protein Data Bank daraufhin einen Datensatz aus ihrem Bestand, das Journal of Biological Chemistry zog den zugehörigen, bereits 1999 veröffentlichten Fachartikel zurĂŒck. Nature berichtete, die unkorrekten Daten hĂ€tten eine Protease des Erregers von Dengue-Fieber betroffen und die Erforschung dieser Krankheit behindert. Murthy stritt wissenschaftliches Fehlverhalten ab.cite-ref-50[50]
Geografie
Der zu Lebzeiten sehr geachtete Geograf James Rennell (F.R.S.) verfĂ€lschte Berichte des Forschungsreisenden Mungo Park, indem er 1798 das fiktive Gebirge der âKong-Bergeâ erfand, das sich im Westen Afrikas in der NĂ€he des 10. Breitengrades befinde. Dadurch wollte er dessen Theorie ĂŒber den Verlauf des Niger stĂŒtzen. Die FĂ€lschung wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts aufgedeckt.cite-ref-bassetporter-51-0[51]
Geologie
Der indische Geologe Viswa Jit Gupta von der Panjab University veröffentlichte ĂŒber 20 Jahre lang etwa 300 Publikationen mit aufsehenerregenden Erkenntnissen zur Geologie Indiens, insbesondere des Himalajas, die vorgeblich auf seinen Fossilfunden aus diesem Raum beruhten. TatsĂ€chlich stammten Guptas vorgeblich indische Fossilien u. a. aus Marokko, den USA und China. 1989 wurde die wissenschaftliche TĂ€uschung von dem australischen PalĂ€ontologen John Talent aufgedeckt.cite-ref-52[52]
Geschichtsquellen
siehe auch: GeschichtsfÀlschung
âą Martin Allen, britischer Autor von BĂŒchern zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, hat fĂŒr seine Publikationen Dokumente aus den National Archives, Kew, verwendet, die in echte Akten des Archivs hineinmanipuliert worden waren. Allen selbst ist dringend dieser Manipulation verdĂ€chtig; wegen seines schlechten Gesundheitszustandes verzichtete der Crown Prosecution Service jedoch auf Erhebung einer Anklage.cite-ref-53[53]
âą Mart Bax, emeritierter Professor fĂŒr politische Anthropologie in Amsterdam, stĂŒtzte seit den 1970er-Jahren wider besseres Wissen seine gesamte wissenschaftliche Arbeit auf unbestĂ€tigte, möglicherweise ge- oder verfĂ€lschte Quellen. Zudem machte er durch Selbstplagiate aus etwa 16 eigenstĂ€ndigen Texten eine Literaturliste mit 161 EintrĂ€gen und erfand Mitgliedschaften in Fachgesellschaften und Berufungen in Beratergremien.
âą In der Reichstagsbrand-Kontroverse griffen Historiker um Walther Hofer die AlleintĂ€terschaftsthese an und warfen namentlich Fritz Tobias und Hans Mommsen vor, Gutachten verfĂ€lscht und unglaubwĂŒrdige Zeugenaussagen verwendet zu haben. Diese konterten mit dem Vorwurf, Hofer und der 2003 verstorbene kroatische Publizist Edouard Calic hĂ€tten in ihren beiden Dokumentationen von 1972 und 1978 gefĂ€lschte Quellen eingesetzt. Calic hatte erklĂ€rt, dass er die Originale der Dokumente nicht mehr besitze und nicht herbeischaffen könne, so dass die ehrenrĂŒhrigen FĂ€lschungsvorwĂŒrfe weiter im Raum standen.
âą Orlando Figes musste zugeben, dass er positive Rezensionen seiner eigenen BĂŒcher und Verrisse seiner Gegner auf der Webseite Amazon.com selbst verfasst hatte, nachdem er gegen solche VorwĂŒrfe zunĂ€chst juristisch vorgehen wollte.cite-ref-54[54] Auch mehrere andere seiner BĂŒcher enthielten erhebliche Falschdarstellungen und freie Erfindungen.cite-ref-55[55]cite-ref-56[56]
âą Hansmartin Decker-Hauff, Professor in TĂŒbingen. Der Umfang seiner FĂ€lschungen zum Beispiel zu genealogischen Fragen wurde erst nach seinem Tod offenbar.
Medizin
⹠In den privaten EintrÀgen Louis Pasteurs entdeckte Gerald L. Geison vom Historischen Institut der UniversitÀt Princeton in New Jersey u. a. eine Reihe gravierender Abweichungen zu seinen tatsÀchlich publizierten Arbeiten. Laut Notizbuch benutzte Pasteur z. B. einen anderen Impfstoff gegen Milzbrand, als er in seinen Veröffentlichungen angegeben hatte.cite-ref-57[57]
âą Cyril Burt war bis zu seinem Tod 1971 ein hochgeachteter Zwillingsforscher, dessen Nachlass jedoch Zweifel an der SeriositĂ€t seiner Studien aufkommen lieĂ: Er hatte Entdeckungen samt fiktiver Koautoren und Rezensenten in seinem eigenen Fachjournal (British Journal of Statistical Psychology) publiziert, laut denen Intelligenz erblich sei. Ab 1974 wurden bei der Auswertung seines Nachlasses fehlende Daten bemerkt; er hatte Zwillingspaare erfunden, um die eigenen Thesen zur Eugenik zu stĂŒtzen.cite-ref-geo-13-4[13]
âą William T. Summerlin berichtete 1973 in zwei medizinischen Fachzeitschriften,cite-ref-58[58] er habe erfolgreich die Haut einer schwarzen Maus auf eine weiĂe Maus transplantieren können, und zwar ohne die ĂŒblicherweise begleitende Immunsuppression. Dennoch sei keine AbstoĂung durch das Immunsystem eingetreten. Dieser Erfolg sei möglich gewesen, weil er die Haut vier bis sechs Wochen lang in einer Organkultur einer speziellen Behandlung unterzogen habe. Summerlin belegte den Erfolg seiner Vorgehensweise durch weiĂe MĂ€use, die schwarze Hautpartien auf dem RĂŒcken hatten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die schwarzen Haare nach einer Waschung mit Alkohol wieder weiĂ wurden â Summerlin hatte die Haare zuvor mit Filzstift eingefĂ€rbt.
âą Der Arzt John Darsee (* 1948), der als brillanter Nachwuchswissenschaftler am Lehrstuhl des renommierten Kardiologen an der Harvard University, Eugene Braunwald, galt, wurde 1981 als FĂ€lscher entlarvt. Nachdem Braunwald zunĂ€chst an der UniversitĂ€t den Fall ohne viel Aufhebens durch eine Trennung von Darsee regeln wollte, leitete der Dekan der Harvard Medical School, Tostenson, eine Untersuchung ein. Mehrere Untersuchungskommissionen beschĂ€ftigten sich mit dem Fall, und es stellte sich heraus, dass er schon vorher an der Emory University, wo er 1974 promoviert worden war, systematisch gefĂ€lscht hattecite-ref-59[59] und damit sogar schon 1969 als Student an der Notre Dame University begonnen hatte. Ned Feder und Walter W. Stewart von den National Institutes of Health untersuchten ĂŒber mehrere Jahre systematisch 109 Veröffentlichungen von Darsee mit 47 Co-Autoren und stellten fest, dass die Mehrzahl der Co-Autoren sich zumindest Unachtsamkeiten vorwerfen lassen musste â nur 12 der Wissenschaftler sprachen sie von Fehlern frei. Ăber 100 der Veröffentlichungen von Darsee enthielten FĂ€lschungen. Beispielsweise fĂŒhrte er in einem Artikel einen Patienten an, der schon im Alter von 16 Jahren vier Kinder gehabt haben sollte, davon eines im Alter von 8 Jahren. Ihre Studie wurde 1987 in der Zeitschrift Naturecite-ref-60[60] veröffentlicht und erregte damals groĂes Aufsehen.
âą Dem Radiologen Robert Slutsky wurde Mitte der 1980er-Jahre von der University of California, San Diego, nachgewiesen, dass er wiederholt unkorrekte Daten in Fachzeitschriften veröffentlicht hatte. Die Fachzeitschrift Science berichtete im April 2006, 18 seiner 60 Veröffentlichungen seien wegen gefĂ€lschter oder zumindest fragwĂŒrdiger Daten widerrufen worden.
âą Isidro Ballart schloss sich 1988 einer ZĂŒrcher Forschungsgruppe an, die gentechnisch synthetisierte Masern erfolglos in Zellkulturen einzubringen versuchte. Nur Ballart gelangen im Februar 1990 der Durchbruch und auch Reproduktionen des Ergebnisses, doch angesichts einer drohenden VorfĂŒhrung vor Fachpublikum im MĂ€rz 1991 in Genf nahm er sich im Labor das Leben. Im Juni des Jahres erschien noch seine zweite Veröffentlichung; beide mussten zurĂŒckgenommen werden.cite-ref-geo-13-5[13]
âą Friedhelm Herrmann und Marion Brach waren die Verursacher der bisher gröĂten AffĂ€re in der deutschen Krebsforschung,cite-ref-61[61] in deren Folge u. a. auch Roland Mertelsmann dem Vorwurf einer Verletzung seiner Aufsichtspflichten ausgesetzt war.cite-ref-62[62] Bei 94 von 347 Arbeiten Herrmanns konnten Manipulationen nachgewiesen werden; weitere 121 blieben verdĂ€chtig, ohne dass ein Nachweis der Manipulation gefunden wurde. Der Betrug reichte von Plagiaten ĂŒber BildfĂ€lschung, geschönte Daten bis zu erfundenen Tabellen und Zitaten aus nicht existierenden Arbeiten. Neben Herrmann und Brach wurden auch den OberĂ€rzten Lindemann und Oster die Habilitation aberkannt; diese beschuldigten den Vorgesetzten Herrmann.cite-ref-geo-13-6[13]
âą Eine Studie, die die Ăberlegenheit der Hochdosis-Chemotherapie bei Brustkrebs zu belegen schien, wurde von Werner Bezwoda gefĂ€lscht; er gab dies spĂ€ter im Deutschen Ărzteblattcite-ref-63[63] offiziell zu.
âą Der kanadische Forscher Eric Poehlman vom Vermont College of Medicine forschte jahrelang auf dem Gebiet der Menopause, des Alterns und der Fettleibigkeit. Bereits im Jahr 2000 wurden VorwĂŒrfe gegen die GlaubwĂŒrdigkeit seiner Studien laut, aber erst im Jahr 2005 wies ihm eine Untersuchungskommission der University of Vermont nach, dass 10 seiner Veröffentlichungen verfĂ€lschte Daten enthielten. Wegen unkorrekter Angaben in AntrĂ€gen auf Forschungsförderungen wurden juristische Schritte gegen ihn eingeleitet.
âą âImpfung gegen Krebsâ (vermeintliche Therapie gegen Nierenzellkarzinom): Alexander Kugler, Urologe an der UniversitĂ€t Göttingen, und Gernot Stuhler von der UniversitĂ€t TĂŒbingen wurden 2001 methodische Ungenauigkeiten vorgeworfen. Gernot Stuhler wurde vollstĂ€ndig rehabilitiert, wĂ€hrend Kuglers Vorgesetzter Rolf-Hermann Ringert 2005 von der DFG fĂŒr acht Jahre von Drittmitteln und Gutachten ausgesperrt wurde.cite-ref-64[64]cite-ref-65[65]cite-ref-66[66]
âą Der Immunologe Luk van Parijs, der u. a. ĂŒber RNA-Interferenz geforscht hatte, wurde 2004 von seiner Position im Massachusetts Institute of Technology (MIT) suspendiert und 2005 entlassen. Ihm war nachgewiesen worden, dass er wĂ€hrend seiner TĂ€tigkeit am MIT erfundene Arbeitsergebnisse in Fachzeitschriften publiziert hatte. SpĂ€ter wurde entdeckt, dass er bereits als Postdoc im Labor des NobelpreistrĂ€gers David Baltimore am California Institute of Technology verfĂ€lschte Daten veröffentlicht hatte.cite-ref-67[67]
âą Dem koreanischen Stammzellforscher Hwang Woo-suk wurde Ende 2005 von einer Untersuchungskommission seiner Hochschule nachgewiesen, einen in der Zeitschrift Science veröffentlichten, spektakulĂ€ren Forschungsbericht ĂŒber die Kultivierung von elf geklonten humanen Stammzell-Linien vollstĂ€ndig gefĂ€lscht zu haben. Seinem zeitweiligen Mitarbeiter Park Jong-Hyuk wurde Anfang 2007 von der University of Pittsburgh bescheinigt, ebenfalls Daten gefĂ€lscht und die Untersuchungskommission der UniversitĂ€t belogen zu haben. Park hatte bis 2004 im Labor von Hwang gearbeitet und war danach nach Pittsburgh gewechselt. Im Januar 2006 waren einem US-Kollegen Unkorrektheiten in einer von Park fĂŒr Nature geschriebenen Veröffentlichung aufgefallen. Park hatte die FĂ€lschungen abgestritten, jedoch kurz nach Beginn der Untersuchungen die beweiskrĂ€ftigen Daten vom Labor-Server gelöscht und war danach mit unbekanntem Ziel aus den USA abgereist.cite-ref-68[68]
âą Der norwegische Krebsforscher Jon SudbĂž gab im Januar 2006 zu, mehrere hundert Patientendaten von Mundkrebskranken frei erfunden, sie zu einer Studie verarbeitet und diese in der angesehenen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht zu haben. Die Aussage dieser FĂ€lschung war, dass das Risiko fĂŒr Mundkrebs bei Rauchern angeblich auf die HĂ€lfte gesenkt werden könne, wenn man ĂŒber lĂ€ngere Zeit Paracetamol einnehme.
âą Der japanische Biochemiker Kazunari Taira wurde Anfang 2006 von der UniversitĂ€t Tokio vom Dienst suspendiert, nachdem er die Daten mehrerer, in hochrangigen Fachzeitschriften veröffentlichter Studien auf dem Gebiet der RNA-Interferenz nicht reproduzieren konnte. Auch konnte er weder die Rohdaten zu den Publikationen noch LabortagebĂŒcher vorweisen.cite-ref-69[69]cite-ref-70[70]
âą Der Strahlungsonkologe Steven Leadon von der University of North Carolina at Chapel Hill verlor seine Professur, nachdem ein UniversitĂ€tsausschuss ihn schuldig gesprochen hatte, in einem 1997 in Science erschienenen Artikel gefĂ€lschte Daten veröffentlicht zu haben. Der Artikel, der zurĂŒckgezogen wurde, hatte den Einfluss des Brustkrebsgens BRCA1 auf die zelleigenen DNA-Reparaturmechanismen zum Inhalt. Am 8. Juni 2006 sprach ihn auch das US Office of Research Integrity schuldig. Die Untersuchungen hĂ€tten zum Ergebnis gefĂŒhrt, dass insgesamt acht Publikationen von Datenmanipulationen betroffen gewesen seien. In einer Abmachung verpflichtete sich Leadon, drei weitere Publikationen zurĂŒckzuziehen und fĂŒnf Jahre lang keine staatlichen Forschungsgelder zu beantragen. Leadon bestritt auch nach dieser Abmachung jedes Fehlverhalten. Er habe der Abmachung nur zugestimmt, weil er die Kosten fĂŒr den Klageweg nicht aufbringen könne.cite-ref-71[71]
âą Catherine Verfaillie, heute Professorin der Katholieke Universiteit Leuven, veröffentlichte 2002 in Nature eine Arbeit,cite-ref-72[72] die einen Ausweg aus den ethischen Problemen der Forschung an embryonalen Stammzellen (ES) zu weisen schien. Konnte man sie zuvor gewinnen, indem man Embryos zerstörte, berichtete Verfaillie nun, sie habe im Knochenmark von MĂ€usen so genannte âmultipotente adulte Progenitorzellenâ entdeckt, aus denen man in ihrem Labor im Prinzip die gleichen Zelltypen hervorbringen konnte wie aus Embryonalen Stammzellen. Eine Wiederholung der Experimente in anderen Labors misslang jedoch. Reporter der Zeitschrift New Scientist wiesen bereits Ende 2005 nach, dass in mehreren Publikationen Verfaillies und in einer Patentschrift identische Bilder erschienen waren, die jeweils unterschiedliche Zellkulturen belegen sollten. Auch wurden weitere Daten ihrer Veröffentlichung angezweifelt.cite-ref-73[73] Eine Untersuchungskommission der University of Minnesota kam zu dem Ergebnis, dass die Veröffentlichung von 2002 âsignifikant fehlerhafte Datenâ enthalten habe und daher âpotentiell unkorrektâ sei.cite-ref-74[74] Die Untersuchungen dauern zurzeit noch an.
âą Der Schmerzforscher Scott Reuben fĂ€lschte seit 1996 die Rohdaten von bis zu 21 Studien. Der Experte fĂŒr postoperative Schmerzbehandlung stĂŒtzte in seinen Studien die Gabe von bestimmten Schmerzmitteln nach Operationen. Diese gĂ€ngige klinische Praxis wurde durch den Skandal in Frage gestellt.cite-ref-75[75]
âą Das Klinikum Ludwigshafen enthob am 26. November 2010 den anĂ€sthesiologischen Chefarzt Joachim Boldt mit sofortiger Wirkung seines Amtes. Dem AnĂ€sthesisten wurde vorgeworfen, eine angebliche Originalarbeit in der Fachzeitschrift Anesthesia & Analgesia publiziert zu haben, âderen Aussagen keine wissenschaftliche Studienerhebung zugrunde [lag]â; als Indiz fĂŒr diesen Vorwurf wurde seitens der Deutschen Gesellschaft fĂŒr AnĂ€sthesiologie und Intensivmedizin erwĂ€hnt, âdass beispielsweise keine Labor- und Patientendaten ĂŒber die Studie zur VerfĂŒgung stehenâ.cite-ref-76[76] Im Februar 2011 wurde Boldt der Titel âAuĂerplanmĂ€Ăiger Professor an der Justus-Liebig-UniversitĂ€t GieĂenâ aberkannt, da er seiner Lehrverpflichtung in GieĂen nicht mehr nachgekommen war.cite-ref-77[77] Bei dem Fall ging es um Studien, die Vorteile des Volumenersatzmittels HydroxyethylstĂ€rke (HES) belegen sollten. Mit 89 zurĂŒckgezogenen Fachartikeln ĂŒbernahm Boldt im MĂ€rz 2011 international den ersten Platz in dieser Statistik.cite-ref-78[78]
âą Andrew Wakefield stellte 1998 in einem Artikel in The Lancet eine Verbindung zwischen einer Impfung mit dem Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff und nachfolgendem Autismus her (siehe Der Fall Wakefield). SpĂ€ter wurde bekannt, dass er von AnwĂ€lten, die Eltern Autismus-betroffener Kinder vertraten, 55.000 ÂŁ an Drittmitteln erhalten hatte.cite-ref-79[79] Die Veröffentlichung wurde inzwischen von The Lancet zurĂŒckgezogen, Wakefield ist in seinem Heimatland GroĂbritannien mit Berufsverbot belegt.
âą Yoshitaka Fujii, ein japanischer AnĂ€sthesiologe, wurde im Februar 2012 von der Toho UniversitĂ€t entlassen, da acht von neun durch eine universitĂ€ts-interne Kommission geprĂŒfte Fachveröffentlichungen die vorgeschriebenen Standards nicht erfĂŒllt hatten; Fujii erklĂ€rte sich daraufhin einverstanden, die Veröffentlichungen zurĂŒckzuziehen. In der Folge wurde die IntegritĂ€t seines gesamten in englischer Sprache verfasstes Werks aus 20 Jahren â 193 Publikationen â infrage gestellt.cite-ref-80[80] Im September 2012 berichtete Nature, dass voraussichtlich mindestens die HĂ€lfte dieser Publikationen zurĂŒckgezogen werden mĂŒsse.cite-ref-81[81]
âą Edward Shang, ein deutscher Chirurg, der im Rahmen des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Adipositas-Erkrankungencite-ref-82[82] von Mannheim nach Leipzig wechselte, beendete am 9. Mai 2012 in gegenseitigem Einvernehmencite-ref-83[83] seine TĂ€tigkeit in Leipzig. Ausgangspunkt war die RĂŒcknahme einer Publikationcite-ref-84[84] in Surgery for Obesity and Related Diseases in der Shang behauptete, im Rahmen einer Studie 60 Patienten operiert zu haben. TatsĂ€chlich waren im betreffenden Zeitraum lediglich 21 Patienten operiert worden.
âą Der japanische Forscher Hisashi Moriguchi vom Klinikum der UniversitĂ€t Tokio berichtete am 11. Oktober 2012, ihm sei es als weltweit erstem Forscher gelungen, induzierte pluripotente Stammzellen erfolgreich an mehreren Patienten einzusetzen. Diese Aussage sorgte in Japan fĂŒr ein groĂes Medienecho, da sie von Yomiuri Shimbun, der auflagenstĂ€rksten Zeitung der Welt, als Titelgeschichte verbreitet wurde. Nachdem jedoch umgehend die Harvard Medical School und das Massachusetts General Hospital die von Moriguchi behauptete Kooperation dementierten, rĂ€umte er bereits am 13. Oktober 2012 ein, dass seine Behauptungen unwahr gewesen seien.cite-ref-85[85] Kurz darauf wurde zudem bekannt, dass er keine Zulassung als Arzt besitzecite-ref-86[86] und dass die UniversitĂ€t Tokio ihn entlassen habe.cite-ref-87[87]
âą Haruko Obokata, Forscherin am RIKEN-Institut in Japan, hatte in zwei Aufsehen erregenden Nature-Veröffentlichungencite-ref-88[88]cite-ref-89[89] sowie in einer dritten Publikationcite-ref-90[90] behauptet, eine beliebige Zelle durch dreiĂigminĂŒtiges Eintauchen in ein SĂ€urebad in eine pluripotente Stammzelle umprogrammieren zu können. Eine mehrmonatige Untersuchungcite-ref-91[91] ergab 2014, dass mehrere Proben bereits zu Beginn der Experimente mit Stammzellen kontaminiert waren und dass dies âwahrscheinlich nicht zufĂ€lligâ (âit is unlikely that there was accidental contaminationâ) geschehen sei; ferner seien Abbildungen in den Studien ohne ausreichende Datengrundlage erstellt worden.cite-ref-92[92]
âą paolo-macchiariniDem italienischen Chirurgen Paolo Macchiarini, der in Schweden am renommierten Karolinska-Institut als Gastprofessor tĂ€tig war, wurde Anfang 2016 vorgeworfen, Publikationen gefĂ€lscht und leichtfertig das Leben von Patienten aufs Spiel gesetzt zu haben.cite-ref-93[93] Macchiarini galt als Experte fĂŒr kĂŒnstliche Luftröhren, bis ein Fernsehbericht âvon gravierenden Diskrepanzen zwischen der â in der Mehrheit der FĂ€lle letztlich mit dem Tod endenden â Krankengeschichte von Macchiarinis Patienten und den vom Chirurgen in Fachkreisen prĂ€sentierten Ergebnissen dieser Operationenâ berichtete.cite-ref-94[94]cite-ref-95[95] Daraufhin trat der Leiter des Karolinska-Instituts, Anders Hamsten, von seinem Amt zurĂŒck; zuvor war das Institut VorwĂŒrfen gegen Macchiarini nicht nachgegangen.cite-ref-96[96] Der Fall hatte auch Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Komitees, das fĂŒr die Vergabe des Medizin-Nobelpreises zustĂ€ndig ist.cite-ref-97[97]
âą Hans-Ulrich Wittchen wurde Ende 2018 beschuldigt, eine Studie zum Zustand der Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland verfĂ€lscht zu haben, indem er vorgab, deutlich mehr Kliniken evaluiert zu haben, als tatsĂ€chlich in die Datenerhebung einbezogen worden waren. Ein förmliches Untersuchungsverfahren, das 2019 eingeleitet wurde, bestĂ€tigte laut einem Bericht in der FAZ vom 6. Januar 2021, der der Abschlussbericht vorgelegen habe, die VorwĂŒrfe.
âą Im Juli 2022 berichtete das Onlineportal der Fachzeitschrift Nature, Untersuchungen der Ohio State University hĂ€tten ergeben, dass zwei Wissenschaftlerinnen aus dem Labor des Krebsforschers Carlo M. Croce in mehr als einem Dutzend Fachveröffentlichungen â in einigen von denen Croce als Ko-Autor benannt worden war â teils Plagiate eingefĂŒgt, teils Daten verfĂ€lscht haben. Bereits im September 2021 entzog die Ohio State University Croce âwegen Management-Problemenâ den Stiftungslehrstuhl John W. Wolfe Chair in Human Cancer Genetics. Er blieb aber weiterhin an der UniversitĂ€t beschĂ€ftigt.cite-ref-98[98]
âą Im Juli 2022 berichtete das Onlineportal der Fachzeitschrift Science ĂŒber Untersuchungen auf dem Gebiet der Alzheimer-Forschung, denen zufolge in zahlreichen Publikationen diverser Haupt- und Ko-Autoren Dutzende Abbildungen verfĂ€lscht worden seien.cite-ref-99[99]cite-ref-100[100] Speziell der französische Neurowissenschaftler Sylvain LesnĂ© steht unter dem Verdacht der Bildmanipulation. Er war 2006 Hauptautor einer Publikation in der Zeitschrift Nature, in der ein spezifisches Oligomer im Gehirn nachgewiesen wurde, dessen Vorhandensein die Hypothese stĂŒtzt, dass bestimmte ProteinstĂŒckchen (Beta-Amyloide) Auslöser fĂŒr Morbus Alzheimer seien.cite-ref-101[101] Die Nature-Studie wurde am 24. Juni 2024 zurĂŒckgezogen.cite-ref-102[102] Die University of Minnesota, Twin Cities kam nach Abschluss ihrer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass vier weitere Studien fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt werden sollten; im Februar 2025 wurde bekannt, dass LesnĂ© zum 1. MĂ€rz 2025 seine Professur verlasse.cite-ref-103[103]
âą Im September 2024 gerieten die Arbeiten von Eliezer Masliah, Leiter der Abteilung fĂŒr Neurowissenschaften am US-amerikanischen National Institutes of Health, unter kritische Beobachtung, als eine Untersuchung der Zeitschrift Science umfangreiche Bildmanipulationen in zahlreichen seiner veröffentlichten Forschungsarbeiten aufdeckte. Ein Dossier wies auf wiederholte FĂ€lle von Manipulation, Bildwiederverwendung und anderen Formen der digitalen Bearbeitung in seinen Forschungen hin. Diese VorwĂŒrfe betreffen wichtige Studien im Zusammenhang mit der Alzheimer- und der Parkinson-Krankheit.cite-ref-104[104]
âą Am 22. Januar 2024 wurde der deutschen Kinderonkologin Simone Fulda durch den Biologen Leonid Schneider vorgeworfen, ihre Daten in frĂŒheren Forschungsarbeiten manipuliert zu haben.cite-ref-105[105] Hierbei handelt es sich um Forschungen auf dem Gebiet der molekularen Krebsforschung. In mehreren FĂ€llen sollen Abbildungen gefĂ€lscht worden sein. Die VorwĂŒrfe wurden von Fulda zurĂŒckgewiesen.cite-ref-106[106] In einem Artikel im Laborjournal wies Henrik MĂŒller darauf hin, dass aus Fuldas Zeit als Postdoktorandin und spĂ€tere Heisenberg-Stipendiatin ausschlieĂlich jene Publikationen betroffen sind, fĂŒr die sie als Erst- oder Zweitautorin inhaltlich hauptverantwortlich war.cite-ref-107[107] Am 10. Februar 2024 teilte das Bildungsministerium des Landes Schleswig-Holstein mit, dass Simone Fulda von ihrem Amt als PrĂ€sidentin der Christian-Albrechts-UniversitĂ€t zu Kiel zurĂŒcktrete.cite-ref-108[108] Am 10. Januar 2025 teilte die Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt am Main jedoch mit, dass das Verfahren gegen Simone Fulda eingestellt wird, da die VorwĂŒrfe der angeblichen Datenmanipulation unbegrĂŒndet gewesen seien.cite-ref-109[109] Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingesetzter Ausschuss sah in einer Mitteilung vom 4. Juli 2025 den Tatbestand der Manipulation einer Abbildung als verwirklicht an. Bei weiteren Publikationen hĂ€tte Simone Fulda als Seniorautorin die Duplikate von Abbildungen schon aufgrund ihres Umfangs zwingend erkennen mĂŒssen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verhĂ€ngte einen einjĂ€hrigen Ausschluss von der Antragsberechtigung gegen Simone Fulda.cite-ref-110[110]
PalÀontologie
âą Thomas Henry Huxley veröffentlichte 1864 die âRekonstruktionâ eines Belemniten aus der Ordnung Phragmoteuthida, die jahrzehntelang fĂŒr andere Autoren als Vorlage beim Beschreiben neuer Funde diente. Wie sich schlieĂlich herausstellte, hatte Huxley an den fossilen Weichteilabdruck eines Phragmoteuthida-Individuums das Rostrum eines Individuums aus einer anderen Ordnung geklebt.cite-ref-deckers69-111-0[111]
âą Einiges Aufsehen in der Fachwelt verursachte die 1966 gemachte Entdeckung der Fliege Fannia scalaris in einem StĂŒck eozĂ€nen Baltischen Bernsteins, das sich bereits seit rund 70 Jahren in der Sammlung des Naturhistorischen Museums in London befand. Die Besonderheit dieses StĂŒckes lag darin, dass mit diesem in einem rund 50 Millionen Jahre alten Bernstein eingebetteten fossilen Insekt belegt zu sein schien, dass auch Arten eine erdgeschichtlich und biologisch extrem lange Lebensdauer haben können (evolutionĂ€rer Stillstand). Zwar sind aus zahlreichen eozĂ€nen Insektengattungen rezente Vertreter bekannt, jedoch fehlte es an einem gesicherten Nachweis, dass auch eine Art aus dieser Periode der Erdgeschichte bis heute ĂŒberdauert hat. Bei einer erneuten Untersuchung des StĂŒckes im Jahre 1993 stellte sich dann heraus, dass es sich bei der Inkluse um eine FĂ€lschung handelt. In Anlehnung an die berĂŒhmt gewordene wissenschaftliche FĂ€lschung des Piltdown-Menschen wird dieses StĂŒck in der Literatur oft als Piltdown-Fliege bezeichnet.cite-ref-112[112]
Physik
âą Galileo Galilei wurde wiederholt vorgeworfen, dass er einige der von ihm beschriebenen Experimente entweder niemals selbst durchgefĂŒhrt oder ihre Ergebnisse stark verfĂ€lscht habe. Die verbreitete Geschichte ĂŒber eigenhĂ€ndig durchgefĂŒhrte Fallversuche vom Schiefen Turm in Pisa, fĂŒr die es keinen verlĂ€sslichen Beleg gibt, ist allerdings nicht ihm anzulasten, denn er hat dies auch nie selbst berichtet. Geschönt ist Galileis Darstellung, dass zwei Pendel von gleicher LĂ€nge fĂŒr hunderte von Schwingungen im Takt bleiben, auch wenn ihre Auslenkungen zu Beginn sich stark unterscheiden. Dieser Isochronismus gilt nur im Grenzfall kleiner Schwingungsweiten, wĂ€hrend sich im Vergleich mit gröĂeren Auslenkwinkeln, z. B. 30° wie von Galilei genannt, schon nach wenigen Dutzend Perioden wachsende Verschiebungen zeigen.
Die fĂŒr die AufklĂ€rung der Fallgesetze entscheidenden Versuche an der schiefen Ebene hat Galilei aber offenbar tatsĂ€chlich durchgefĂŒhrt. Der gelegentlich immer noch wiederholte Vorwurf der FĂ€lschung geht auf den Wissenschaftshistoriker Alexandre KoyrĂ© zurĂŒck. Er hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den gerade publizierten gesamten Nachlass Galileis durchgesehen und fast keine Aufzeichnungen zu durchgefĂŒhrten Messungen darin gefunden.cite-ref-koyr-1939-113-0[113] Jedoch fand in den 1960er Jahren Stillman Drake, nachdem er noch einmal selber in Florenz in das Archiv hinuntergestiegen war, zahlreiche BlĂ€tter von Galileis Hand, die in der Gesamtausgabe fortgelassen worden waren.cite-ref-drake-114-0[114] Es waren die Protokolle der Messungen, die bei der Zusammenstellung der Gesamtausgabe fĂŒr unwichtig gehalten worden waren, weil auf ihnen nur wenig oder gar kein Text zu sehen war, dafĂŒr aber Skizzen und Zahlen.cite-ref-115[115] Drake analysierte handschriftliche Notizen, in denen Galilei zum Beispiel ein Experiment zur Flugbahn einer fallenden Kugel mit unterschiedlichen anfĂ€nglichen Horizontalgeschwindigkeiten aufgezeichnet hatte. Dabei notierte Galilei den von ihm erwarteten Wert fĂŒr die Flugweite der Kugel sowie den gemessenen Wert, wobei die gröĂte Abweichung knapp vier Prozent betrĂ€gt. Der Eindruck der FĂ€lschung mag auch damit zusammenhĂ€ngen, dass Galilei â wie damals allerdings ĂŒblich â in seinen Veröffentlichungen nur noch die gefundenen Gesetze, aber nicht mehr die zugrunde liegenden Versuchsergebnisse mit ihren unvermeidlichen Abweichungen wiedergegeben hat.
Koyrés weitere Behauptung, viele Experimente Galileis seien mit den damaligen Mitteln gar nicht zu realisieren gewesen, wurden durch einen konkreten Nachbau widerlegt.cite-ref-settle-1961-116-0[116]
âą Isaac Newton manipulierte seine experimentellen Ermittlungen der Schallgeschwindigkeit in der Luft (nach ihm: 298 m/s), um sie seinem Rechenmodell anzugleichen.cite-ref-geo-13-7[13] Der Effekt der adiabatischen ZustandsĂ€nderung, der dafĂŒr sorgt, dass die Schallgeschwindigkeit bei Normbedingungen tatsĂ€chlich bei 343 m/s liegt, wurde erst von Pierre Simon Laplace gefunden.
âą Emil Rupp galt von 1926 bis 1935 als ein weltweit fĂŒhrender Experimental-Physiker. Seine Experimente zu Kanalstrahlen und zum Positron stellten sich jedoch spĂ€ter als völlige FĂ€lschungen heraus.
⹠Jan Hendrik Schön, Nano-Physiker, fÀlschte Messdaten zum elektronischen Verhalten organischer Strukturen. Schön war bereits 2002 als potenzieller Kandidat auf den Nobelpreis in der Diskussion, als die TÀuschung aufgedeckt wurde: Seine Messergebnisse konnten nicht reproduziert werden.cite-ref-geo-13-8[13]
âą Victor Ninov fĂ€lschte Messdaten ĂŒber die angebliche Erzeugung von zwei neuen chemischen Elementen (Schwerionen).
âą Rusi P. Taleyarkhan von der Purdue University wird seit mehreren Jahren vorgehalten, seine Experimente zur BlĂ€schenfusion seien nicht reproduzierbar. Dies veranlasste im FrĂŒhjahr 2007 schlieĂlich den Ausschuss fĂŒr Wissenschaft und Technologie des US-ReprĂ€sentantenhauses zu einer eigenen Untersuchung,cite-ref-117[117] nachdem eine ĂberprĂŒfung des möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens durch die HeimatuniversitĂ€t u. a. in der Fachzeitschrift Nature als undurchsichtig kritisiert worden war.cite-ref-reich-2007-118-0[118]
âą Dem Physiker Ranga P. Dias von der University of Rochester (USA), dessen Arbeitsgruppe kurz zuvor Aufsehen erregend publiziert hatte, Supraleiter bei Zimmertemperatur entwickelt zu haben, wurde 2023 vorgeworfen, groĂe Teile seiner Doktorarbeit wörtlich aus mehr als einem Dutzend Quellen ungekennzeichnet ĂŒbernommen zu haben.cite-ref-119[119]cite-ref-120[120] In der Folge kam es zu Untersuchungen und laut Nature zu Hinweisen, dass Daten auch erfunden wurden.cite-ref-121[121] Im November 2024 gab die University of Rochester bekannt, dass Dias, dessen Arbeitsvertrag bis Juni 2025 lief, nicht mehr von der UniversitĂ€t beschĂ€ftigt werde und auch keine Forschungsprojekte mit der UniversitĂ€t durchfĂŒhre.cite-ref-122[122]
Psychologie
âą Stephen Breuning publizierte in den spĂ€ten 1970er und frĂŒhen 1980er Jahren, dass behinderten, hyperaktiven Kindern statt Beruhigungsmittel anregende Stimulanzien verabreicht werden sollten. Breunings ehemaliger Mentor Robert Sprague deckte 1980 auf, dass Breuning die angeblich von ihm untersuchten Kinder nicht betreut haben konnte, und die revolutionĂ€ren Erkenntnisse frei erfunden waren. Dennoch wurden Praktiken im Gesundheitsbetrieb auf Empfehlungen Breunings und auch dessen FĂ€lschungstĂ€tigkeit fortgesetzt, bis dieser 1988 verurteilt wurde. Er gilt als der erste Forscher, der strafrechtlich fĂŒr FĂ€lschungen zur Rechenschaft gezogen wurde; zur Strafe gehörten Schadensersatz, 60 Tage BewĂ€hrungsstrafe, 250 Stunden soziale Arbeit und ein fĂŒnfjĂ€hriges Forschungsverbot.cite-ref-geo-13-9[13]
âą Diederik Stapel, ein ehemaliger Hochschullehrer und niederlĂ€ndischer Sozialpsychologe, gab 2011 zu, die Daten fĂŒr zahlreiche in renommierten Fachzeitschriften erschienenen Veröffentlichungen manipuliert und erfunden zu haben.cite-ref-123[123] Inzwischen wurden ĂŒber 50 seiner Artikel zurĂŒckgezogen.cite-ref-124[124] Daraufhin wurde er von seinen Aufgaben suspendiert, kurz darauf gab er seinen Doktortitel an die UniversitĂ€t Amsterdam zurĂŒck.cite-ref-125[125]cite-ref-126[126]
âą Der Sozialpsychologe Dirk Smeesters, vormals Professor fĂŒr Marketing an der Erasmus-UniversitĂ€t Rotterdam, legte im Juni 2012 sein Amt nieder, nachdem zwei seiner Publikationen zurĂŒckgezogen worden waren. Zuvor hatte er zugegeben, dass das zugrundeliegende Datenmaterial verfĂ€lscht worden war, um statistische Signifikanz zu belegen.cite-ref-127[127]
âą Der italienischen Psychologin Lorenza Colzato wurde 2019 u. a. vorgeworfen, erhobene Daten von einzelnen Versuchspersonen unzulĂ€ssig gelöscht, nicht in Veröffentlichungen einbezogen und so Ergebnisse verfĂ€lscht zu haben.cite-ref-128[128] Die damals an der UniversitĂ€t Leiden tĂ€tige Psychologin wies alle VorwĂŒrfe zurĂŒck,cite-ref-129[129] gleichwohl wurden zwei ihrer Veröffentlichungen zurĂŒckgezogen. 2022 wurde von der UniversitĂ€t Leiden mitgeteilt, dass insgesamt sieben Studien, an denen Colzato beteiligt war, fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt wurden.cite-ref-130[130] Colzato war 2019 von der UniversitĂ€t suspendiert worden und hatte danach Leiden verlassen.cite-ref-131[131]
Literarische Verarbeitung
Der britische Schriftsteller und Physiker Charles Percy Snow benutzte Details der authentischen TĂ€uschung von Emil Rupp in seinem 1960 veröffentlichten Roman âDie AffĂ€reâ ĂŒber einen WissenschaftsbetrĂŒger an der UniversitĂ€t Cambridge.cite-ref-132[132] Die TĂ€uschung im Wissenschaftsbetrieb wird literarisch auch in den 2012 erschienenen Romanen des Naturwissenschaftlers Bernhard Kegel (âEin tiefer Fallâ)cite-ref-133[133] und des Autorengespanns Ann-Monika Pleitgen und Ilja Bohnet (âTeilchenbeschleunigungâ)cite-ref-134[134] verarbeitet.
Siehe auch
Literatur
⹠William Broad, Nicholas Wade: Betrug und TÀuschung in der Wissenschaft. BirkhÀuser, Basel 1984, ISBN 3-7643-1560-1.
⹠Karl Corino (Hrsg.): GefÀlscht! Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik. Eichborn, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-8218-1131-5.
âą Jennifer Couzin, Katherine Unger: Cleaning up the paper trail. In: Science. Band 312, 7. April 2006, S. 38â43 (ein Artikel ĂŒber die â geringen â Folgen nachgewiesenen Betrugs fĂŒr die BetrĂŒger).
âą Federico Di Trocchio: Der groĂe Schwindel. Betrug und FĂ€lschung in der Wissenschaft. Campus 1994, ISBN 3-593-35116-1.
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âą Gerhard Fröhlich: Betrug und TĂ€uschung in den Sozial- und Kulturwissenschaften. In: T. Hug (Hrsg.): Wie kommt die Wissenschaft zu ihrem Wissen? Schneider, Hohengehren/Baltmannsweiler, S. 261â273 (PDF (Memento vom 30. September 2007 im Internet Archive)).
âą Gerhard Fröhlich: Visuelles in der wissenschaftlichen Kommunikation â z. B. Betrug und FĂ€lschung. In: European Journal for Semiotic Studies. Band 15, Nr. 2â4, S. 627â655 (Zusammenfassung).
âą David Goodstein: On Fact and Fraud. Cautionary tales from the front lines of science. Princeton University Press, 2010, ISBN 978-0-691-13966-1.
âą Peter Haffner, Hania Luczak: FĂ€lschungen in der Forschung. In: Geo. MĂ€rz 2003, S. 120â138.
âą Adrian Heuss, Siegfried SĂŒĂbier: Tricksen, TrĂ€nen, Tod. 20 illustrierte Wissenschaftsskandale. Springer Spektrum, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-45267-7.
⹠Torsten Junge, Dörthe Ohlhoff: Wahnsinnig genial. Der Mad Scientist Reader. Alibri, Aschaffenburg, ISBN 3-932710-79-7.
âą Peter Köhler: FAKE. Die kuriosesten FĂ€lschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte. 2. Auflage. C. H. Beck, MĂŒnchen 2016, ISBN 978-3-406-68128-8.
âą Eberhard Schnepf: FĂ€lschungen â nicht nur in unserer Zeit. Lug und Trug in der Biologie. In: Biologie in unserer Zeit. Band 32, 2002, Nr. 3, 4 (2 Teile).
⹠Stefan T. Siegel und Martin H. Daumiller (Hrsg.): Wissenschaft und Wahrheit: Ursachen, Folgen und PrÀvention wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Budrich, Leverkusen 2020, ISBN 978-3-8474-2429-1.
âą Stella Elaine Urban: Forschungsbetrug in der Medizin. Fakten, Analysen, PrĂ€ventionsstrategien. Campus, Frankfurt am Main / New York 2015, ISBN 978-3-593-50327-1 (Dissertation Uni MĂŒnster 2013, 325 Seiten).
âą Heinrich Zankl: FĂ€lscher, Schwindler, Scharlatane. Betrug in Forschung und Wissenschaft. Wiley-VCH, 2003, ISBN 3-527-30710-9.
Weblinks
Wiktionary: Wissenschaftsbetrug
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Website des Ombudsmanns der Deutschen Forschungsgemeinschaft fĂŒr die wissenschaftliche IntegritĂ€t in Deutschlands.
âą Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der DFG. Stand: September 2024. (PDF; 991 kB)
âą Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis â beschlossen vom Senat der Max-Planck-Gesellschaft am 24. November 2000, geĂ€ndert am 20. MĂ€rz 2009 â (PDF; 100 kB)
âą Fremdes Gedankengut: Abschreiben ist in der Wissenschaft mitnichten ein neues PhĂ€nomen. FAZ Nr. 41 vom 17. Februar 2011, S. 10. Reinhard MĂŒller ĂŒber Entscheidungen deutscher Gerichte in FĂ€llen des Plagiierens
âą Zusammenfassung einer US-Studie zum Fehlverhalten in der Forschung, heise.de, 18. Juni 2008 (englisch in Nature)
âą columbia.edu Definitionen, Hintergrundinformationen und Beispiele fĂŒr wissenschaftliches Fehlverhalten (englisch)
âą Wiener Zeitung: Ăber Betrug und Irrtum in der Wissenschaft (Memento vom 4. November 2005 im Internet Archive) (Fallbeispiele, aus Webarchiv)
⹠ArchÊological Forgeries (diverse archÀologische Fallbeispiele, englisch)
âą Bernd Schuh: Vertrauen naiv, Kontrolle fatal. FĂ€lschungen in der Wissenschaft. Deutschlandfunk, 4. Mai 2014
Einzelnachweise
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cite-note-44. â Susanne Billig und Petra Geist: Betrug in der Wissenschaft: Tricksen, tĂ€uschen, fabulieren Deutschlandfunk Kultur vom 25. Februar 2016
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cite-note-66. â Florian Sturm: Wie Betrug die Wissenschaft ĂŒberschwemmt. Online-Artikel unter spektrum.de vom 30. Dezember 2025.
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cite-note-sturm-88. â Florian Sturm: Wie Betrug die Wissenschaft ĂŒberschwemmt. In: Spektrum.de. 30. Dezember 2025, archiviert vom Original am 5. Januar 2026; abgerufen am 11. Januar 2026.
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cite-note-1212. â Pressemitteilung Nr. 38/2005 der UniversitĂ€t Frankfurt vom 17. Februar 2005.
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cite-note-1414. â Ana-Catarina Pinho-Gomes, Carinna Hockham, Mark Woodward: Womenâs Representation as Authors of Retracted Scientific Papers. In: Science Editor. 6. November 2025, doi:10.36591/SE-4804-06 (csescienceeditor.org [abgerufen am 4. Dezember 2025]): âWomenâs underrepresentation in retractions due to misconduct and fraud is in keeping with previous studies, suggesting that men are more likely than women to be involved in fraud and misconduct in research.â
cite-note-1616. â Ferric C. Fang, Joan W. Bennett, Arturo Casadevall: Males Are Overrepresented among Life Science Researchers Committing Scientific Misconduct. In: mBio. Band 4, Nr. 1, 22. Januar 2013, S. 10.1128/mbio.00640â12, doi:10.1128/mbio.00640-12 (asm.org [abgerufen am 4. Dezember 2025]).
cite-note-1717. â Vgl. das Programm des XL. Symposiums der Gesellschaft fĂŒr Wissenschaftsgeschichte: Blender, TĂ€uscher, Scharlatane: Betrug in den Wissenschaften (Memento vom 28. November 2005 im Internet Archive). Heidelberg, 29.â31. Mai 2003 (PDF, 103 kB); sowie den einleitenden Aufsatz von Wolfgang U. Eckart: Blender, TĂ€uscher, Scharlatane â Betrug in den Wissenschaften. EinfĂŒhrung in das Symposium. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte. Band 27, 2004, S. 89â97, doi:10.1002/bewi.200401056; vgl. auch weitere AufsĂ€tze im selben Band der Zeitschrift, Ăbersicht unter doi:10.1002/bewi.200490052.
cite-note-queisser-1818. â Hans-Joachim Queisser: Veröffentliche oder verende! Was uns der Betrugsfall Jan Hendrik Schön ĂŒber die moderne Wissenschaftskultur lehrt / Von Hans-Joachim Queisser. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 229, 2. Oktober 2002, S. 50.
cite-note-1919. â Vgl. z. B. den Kommentar ihres damaligen PrĂ€sidenten Ernst-Ludwig Winnacker: Gute wissenschaftliche Praxis sichern. Nicht nur propagieren, sondern praktizieren und durchsetzen, so lautet der Appell der DFG. Im Sommer 2002 sollen die Regeln in allen UniversitĂ€ten und Forschungsinstituten umgesetzt sein. In: Forschung 26, Nr. 4, 2001, S. 2â3, doi:10.1002/1522-2357(200110)26:4<1::AID-FORS2>3.0.CO;2-C.
cite-note-2020. â Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hrsg.): Empfehlungen der Kommission âSelbstkontrolle in der Wissenschaftâ. VorschlĂ€ge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis (Memento vom 25. Dezember 2014 im Internet Archive). Erstveröffentlichung im Januar 1998, ergĂ€nzte Aktualisierung 2013 (PDF, 135 kB).
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cite-note-2222. â âVGH Baden-WĂŒrttemberg â BeschluĂ vom 13. Oktober 2008, 9 S 494/08: Plagiat in einer Dissertation.â Volltext
cite-note-2323. â Wijnand van der Sanden, Sabine EisenbeiĂ: Imaginary people â Alfred Dieck and the bog bodies of northwest Europe. In: ArchĂ€ologisches Korrespondenzblatt. Nr. 36, 2006, ISSN 0342-734X, S. 111â122 (englisch).
cite-note-2424. â Angerer der JĂŒngere, Johannes Lang: Sagenbuch des Reichenhaller Landes. Hrsg.: Verein fĂŒr Heimatkunde Bad Reichenhall und Umgebung e. V. (= Reichenhaller Geschichtsbilder). Bad Reichenhall 2018, S. 21 ([1] [PDF; abgerufen am 18. April 2023] Siehe auch Lang 2010).
cite-note-2626. â Unter Betrugsverdacht stehender ArchĂ€ologe seit 2021 freigestellt. In: swr aktuell. 5. November 2024, abgerufen am 3. Dezember 2024.
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